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Zuletzt angepasst am 12.10.2020

Lungensport und Medizinische Trainingstherapie II

Noch vor wenigen Jahren wurde die COPD als eine Erkrankung der Lunge aufgefasst. Inzwischen geht man davon aus, dass nicht nur eine chronische Entzündung „in der Lunge“ stattfindet, sondern als systemische Entzündung auch „im restlichen Körper“.

Zunehmend werden Beziehungen zwischen dieser COPD-spezifischen Entzündung, Begleiterkrankungen – wie koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Osteoporose, Depression und Diabetes – und körperlicher Inaktivität gefunden. Die Bedeutung von regelmäßiger körperlicher Aktivität und Training bei diesen Erkrankungen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Zudem gilt bei Patienten mit COPD: Je weniger regelmäßige körperliche Aktivität umso höher das Risiko für häufigere Infekte, Krankenhauseinweisungen und Sterblichkeit. Aktuell konnte nachgewiesen werden, dass Patienten, die sich wenig bewegen, eine höhergradige Lungenobstruktion, eine geringere körperliche Fitness, eine stärkere Abnahme der Muskelmasse, eine stärkere Abnahme der Leistungsfähigkeit im 6-Minuten-Gehtest sowie eine stärkere systemische Entzündungsreaktion aufweisen als Patienten mit einem moderaten Aktivitätsprofil.

Wer sich mehr bewegt, kann zudem den Abfall der Lungenfunktion vermindern und den Verlauf der COPD günstig beeinflussen.

Vor diesem Hintergrund erfolgt eine Darstellung verschiedener Aspekte, die bei der Durchführung von Lungensport und Medizinischer Trainingstherapie zu beachten sind.

Wesentlich für eine sichere und effektive Trainingsgestaltung ist die exakte Umsetzung von Trainingsempfehlungen. Im Mittelpunkt steht das Einhalten von vorgegebenen Intensitäten über einen gegebenen Zeitraum, um entsprechende Veränderungen u.a. in Muskulatur und Herz- Kreislauf-System auszulösen. Bei der COPD entstehen im Krankheitsverlauf jedoch Veränderungen, die es erschweren z.B. einen bestimmten Intensitätsbereich überhaupt zu erreichen oder eine gewisse Zeit durchzuhalten.

Aufgezeigt werden die Aspekte weniger Luft pro Zeit (Überblähung in Ruhe und unter Belastung), mehr Arbeit für die Atmung und Umverteilung von Blut und Sauerstoff. Weiterhin erfolgen eine Darstellung der Abnahme der maximalen  Leistungsfähigkeit, der Umstellung auf körperliche Belastung und der Erholung nach Belastung und die Konsequenzen für die Ausgestaltung des Trainings.

Unter dem Blickwinkel Altern und chronische Erkrankung (Medikamente, Entzündung, etc.) wird beschrieben, dass sich nicht nur der „passive Bewegungsapparat“ in einem geschädigten Gesamtzustand befindet. Bei Aufnahme des  Trainings und auch bei zu schneller Steigerung besteht die Gefahr einer Überlastung: Entzündungen, Gelenkprobleme und Sehnenansatzschmerzen. Bei begleitender Osteoporose können ferner Schäden an den Knochen ausgelöst  werden.

Alle genannten Beispiele haben eine Zwangspause zur Folge. Diese, wie auch alle anderen Zwangspausen durch Infekt, schlechtes Wetter oder schlechtem Allgemeinzustand, bedeuten: Weiterer Verlust von Muskelkraft und –masse alleine durch das „Nichtstun“. Da aufgrund der COPD und vorliegender Risiken eine Kontrolle nur bedingt angewendet werden kann, ist die Selbsteinschätzung enorm wichtig.

Vor diesem Hintergrund werden Kriterien zur Bewertung einzelner Trainingsabschnitte und zur Beurteilung einer kompletten Trainingseinheit abgearbeitet. Hierbei gilt es die körperliche Belastung nicht nur durch die Borg-Skala zu  erfassen sondern Anstrengung und Ermüdung auch an Hand weiterer Symptome sicher zuzuordnen. Daraus (Unter- und Überforderung) werden Konsequenzen für die Fortführung des Trainings abgeleitet.

Um einen längerfristigen Trainingsaufbau sicherzustellen gilt es in einem nächsten Schritt die Anpassungszeiten einzelner Organsysteme an Belastung zu beachten. Nur dann werden Zugewinne an z.B. Kraft und Ausdauer und damit  u.a. Erhalt der Selbständigkeit erreicht und gesichert.

Zum Abschluss dieser allgemeinen Trainingsgrundlagen werden Aspekte zum Training im Jahresverlauf aufgezeigt.

In einem ersten Schwerpunkt zur Umsetzung konkreter Vorgehensweisen erfolgt die Darstellung des Ausdauertrainings.

Grundlegend zu unterscheiden ist hierbei eine Belastung am Stück (= Dauermethode) oder mit vorsätzlichen Pausen (= Intervallmethode).

Aufgezeigt werden geeignete Atemfrequenzen und –rhythmen als Maßnahmen der Intensitätskontrolle beim Geh- und Treppentraining. Abschließend wird für Patienten unterschiedlicher Belastbarkeit ein allgemeiner Trainingsaufbau (Gewöhnungs-, Grundlagen und Aufbauphase) vorgestellt.

In einem zweiten Schwerpunkt werden verschiedene Aspekte des Krafttrainings abgehandelt.

Zunächst werden grundlegende Begriffe wie Wiederholungen und Sätze erläutert. Neben einer Darstellung der Effekte der Pressatmung auf verschiedene Organsysteme wird der Zusammenhang von gewähltem Gewicht (und damit möglicher Anzahl maximal möglicher Wiederholungen) und dem Verhalten des Herz-Kreislauf- Systems aufgezeigt.

Fragen wie: „Wie viel Druck entsteht?“, „ab welchem Druck kann kein Blut mehr befördert werden?“, oder auch „wie viel Luft braucht man beim Krafttraining?“ werden beantwortet.

In der Konsequenz werden Modalitäten zur Gestaltung des Krafttrainings empfohlen (Pausenzeit zwischen einzelnen Wiederholungen und Sätzen). Auf die Wichtigkeit der entsprechenden Länge von Pausen zwischen einzelnen  Belastungsphasen wird hingewiesen: Hier finden Erholungsprozesse in der Muskulatur statt. Unter anderem werden Überträgerstoffe für das Zusammenziehen der Muskulatur und Energieträger im Muskel wieder aufgebaut.

Wird die Pause zu kurz gestaltet, ist der Muskel unzureichend erholt. Die Folgen bei erneuter Belastung sind weniger Kraft und früherer Abbruch der Belastung. Bezogen auf das Training kann weniger intensiv trainiert werden  (Arbeitsumsatz in der Muskulatur) und der Effekt wird geringer. Ferner steigt das Herz-Kreislauf-Risiko bei unzureichender Erholung.

Als allgemeine Faustregel wird empfohlen: Die erste Minute der Erholung gehört dem Kreislauf (Lunge, Herz, Gefäße), die zweite Minute gehört dem Muskel! Anschließend werden Grundlagen zur Ausgangsposition (z.B. höher Sitzen, damit das Zwerchfell besser arbeiten kann), Bewegungsführung (geringeres Bewegungsausmaß um Spitzenbelastungen und ungünstige Gelenkpositionen zu vermeiden) und Atmung (Einzelvs. Doppelatmung) erarbeitet.

Abschließend wird auch hier für Patienten unterschiedlicher Belastbarkeit ein allgemeiner Trainingsaufbau (Gewöhnungs-, Grundlagen und Aufbauphase) vorgestellt. Darin enthalten sind Modalitäten zum Training an verschiedenen  Trainingsgeräten und in häuslicher Umgebung (ohne größeren Geräteaufwand).

In der Literatur wird immer häufiger von körperlicher Aktivität gesprochen. Meistens wird eine Anzahl von Schritten pro Tag und eine Erfassung dieser z.B. durch einen Schrittzähler empfohlen. Zur Sicherstellung eines Mindestmaßes  an täglicher Bewegung sollten jedoch auch weitere Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) in Betracht gezogen werden.

Vorgestellt wird das zentrale Prinzip „Koppeln von Bewegung an die Atmung“. Hierbei wird eine Gesamtbewegung wie z.B. Geschirrspüler aus- oder Schrank einräumen in Teilbewegungen zerlegt: Eine Teilbewegung für die Einatmung (wenn möglich gestützt oder in atemerleichternder Ausgangsstellung) und eine Bewegung für die Ausatmung (die konkrete Belastung wie z.B. das Heben). Auch für diesen Bereich erfolgt eine systematische Aufarbeitung in Form  eines allgemeinen Trainingsaufbaus. Zudem werden Beispiele für energiesparendes Verhalten z.B. beim Duschen und Ankleiden gegeben.

Quelle: Vortrag von Dr. Dr. Oliver Göhl Sportwissenschaftler, Sporttherapeut Klinik Donaustauf, auf dem 7. Symposium Lunge am Samstag, den 13. September 2014 von 9:00-18:00 Uhr in Hattingen (NRW)

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