Lungentransplantation 2011– Was gibt es Neues?

Vorbemerkungen
Die Lungentransplantation ist eine Operation, die bei weit fortgeschrittenen Lungenerkrankungen eingesetzt wird. Es handelt sich dabei um Lungenerkrankungen im Endstadium, bei denen die medikamentöse Therapie ausgeschöpft ist und eine Lebenserwartung von unter zwei bis drei Jahren besteht. Weltweit werden jährlich 2.000, in Deutschland etwa 270 Lungen transplantiert. Die Ruhrlandklinik und das Universitätsklinkum Essen zählen zu den bedeutenden Zentren für Lungentransplantationen in der Bundesrepublik und haben seit 1999 rund 270 Eingriffe durchgeführt. Die meisten Lungentransplantationen werden in Hannover an der Medizinischen Hochschule Hannover – etwa 100 pro Jahr – vorgenommen.
Derzeit stehen in Deutschland mehr als 800 Patienten auf der Warteliste für eine Lungentransplantation bei Eurotransplant; diese zentrale Verwaltungsstelle verwaltet in Holland nebenden deutschen Daten auch die Daten von potenziellen Empfängern aus den Ländern Österreich, Niederlande, Luxemburg, Slowenien und Belgien. Jeder sechste Patient auf der Warteliste stirbt, weil es nach wie vor nicht genügend Organspenden gibt. Es bekommt nur jeder Dritte eine Organverpflanzung, auch wenn er schwer krank und vom Tod bedroht ist.


Indikationen
Die häufigsten Indikationen (Gründe für eine bestimmte ärztliche Maßnahme) zur Lungentransplantation sind bestimmte Formen der Lungenüberblähung (Lungenemphysem, COPD) sowie die Lungenversteifung (Lungenfibrose). Bei diesen Erkrankungen sind prinzipiell sowohl Einzel- als auch Doppellungentransplantationen möglich. Gehen die Grunderkrankungen mit komplizierten Bakterienbesiedlungen einher oder liegt ein Bluthochdruck im kleinen Kreislauf vor, muss eine Doppellungentransplantation durchgeführt werden. Dies trifft z.B auf die Mukoviszidose zu. Es handelt sich um eine angeborene Erkrankung, bei der Körpersekrete sehr zähflüssig sind und in den Lungen bereits im Alter von 20 bis 30 Jahren zur Verstopfung der Luftwege und dadurch zu schwerer Atemnot führen.

Kriterien für eine Lungentransplantation
Allgemein gilt, dass die Entscheidung über die Listung zur Lungentransplantation in spezialisierten Lungentransplantationszentren getroffen wird. Es existiert eine obere Altersgrenze von 60 Jahren bei der Doppellungentransplantation und von 65 Jahren bei der Einzellungentransplantation. Die Entscheidung über die Lungentransplantationslistung ist jedoch individuell zu treffen. So kann es sein, dass ein 65-jähriger ehemaliger Sportler eher akzeptiert wird als ein 55-jähriger Patient, der nie in seinem Leben Sport getrieben hat. Neben diesen allgemeinen Kriterien werden jedoch während der Listung zur Lungentransplantation alle Organsysteme auf ihre Funktion überprüft. Voraussetzung ist ein ausreichender Muskelstatus sowie eine angemessene Herzfunktion ohne erhebliche Herzkrankheit.

Die Kriterien für die Listung zur Lungentransplantation werden sich zum Jahresende 2011 deutlich verschieben.
Immobile oder nur wenige Schritte bewältigende Patienten sind in der Regel nicht für eine Transplantation geeignet. Ein gutes Maß für die Überprüfung der Leistungsfähigkeit ist der befreit Atemwege Sechs-Minuten-Gehtest, der standardisiert meist in pneumologischen Abteilungen durchgeführt wird. Der Transplantationskandidat schafft in dieser Zeit meist weniger als 400 Meter. Eine Besserung der Belastbarkeit als Vorbereitung für die Transplantation kann durch eine Rehabilitationsmaßnahme erreicht werden. Häufig besteht auch ein Über- oder Untergewicht, welches vor einer Transplantation ausgeglichen werden sollte.

Kontraindikationen
Absolute Kontraindikationen (Gründe gegen eine bestimmte ärztliche Maßnahme) sind bösartige Tumorerkrankungen in der Vorgeschichte des Patienten, die nicht länger als fünf Jahre erfolgreich behandelt sind. Jeglicher Konsum von Nikotin, Alkohol und anderen Drogen muss nachweislich mindestens über sechs Monate eingestellt sein. Darüber hinaus wird eine Transplantation abgelehnt, wenn der potenzielle Organempfänger nicht bereit und fähig ist, an den vor und nach einer Transplantation erforderlichen Behandlungen und Untersuchungen mitzuwirken. Diese Bereitschaft (Compliance) ist Grundvoraussetzung für den Erfolg jeder Transplantation, wie auch für jede andere Behandlung. Relative Kontraindikationen sind zum Beispiel chronisches Nierenversagen, Leberversagen oder Herzinsuffizienz, weil bei solchen Patienten in ausgewählten Fällen auch eine kombinierte Transplantation, also zum Beispiel der Lungen und der Nieren, in Frage kommt.

Letztendlich entscheidet das Transplantationszentrum in einem interdisziplinären Team aus Chirurgen, Pneumologen und Psychologen nach Summierung der Begleit - erkrankungen und der relativen Kontraindikationen, ob ein Patient für die Lungentransplantation geeignet ist oder abgelehnt werden muss.

Bislang wurden schwerstkranke Patienten mit schnell voranschreitendem Verlauf ihrer jeweiligen Erkrankung auf eine Hochdringlichkeitsliste (HU- Liste) aufgenommen und sie blieben bis zur Verfügbarkeit eines Organs im Krankenhaus. Als dieses System etabliert wurde, betrug die mittlere Wartezeit auf der"normalen" Liste zwischen zwölf und 24 Monaten. Auf der HU-Liste sollte die Wartezeit nicht länger als vier Wochen betragen.

Dies ist inzwischen leider Wunschdenken. Aufgrund der Organknappheit und der daraus resultierenden hohen Sterberate auf der Transplantationsliste, insbesondere auf der HU-Liste, wird Ende des Jahres 2011 das System umgestellt. Darauf haben sich alle Länder, die Eurotransplant angeschlossen sind, geeinigt.

2005 wurde in den USA aus ähnli chen Gründen der "Lung Allocation Score – LAS" eingeführt. Dabei handelt es sich um ein computergestütztes Berechnungssystem, welches die Organvergabe nach Dringlichkeit und – das ist eindeutig neu – nach Erfolgsaussicht unter Vernachlässigung der Wartezeit regelt. Dadurch soll die Sterblichkeit während der Zeit auf der Warteliste verringert, der Transplantationserfolg beim einzelnen Patienten und die Anzahl der aktiven, das heißt der zur Zeit nicht – zum Beispiel we gen einer akuten Erkrankung – für eine Transplantation gesperrten Patienten auf der Liste erhöht werden.

Nach einem Punktesystem von 0 bis 100 wird der Patient immer tagesaktuell in einen neuen Score eingeordnet. Nach unseren Erfahrungen findet sich der leidlich stabile COPD-Patient etwa bei einem Score von 30 bis 35 Punkten.

Prinzipiell kann für jeden Patienten der persönliche LAS-Score bereits jetzt errechnet werden.
Welche Auswirkungen wird dieses neue System auf den einzelnen Patienten haben? Aufgrund der beschriebenen Kriterien wird es keine Transplantationen aufgrund der Wartezeit mehr geben. Nur die Schwere der Erkrankung und die Aussicht auf Erfolg bestimmen die Chancen desEinzelnen, transplantiert zu weden. Nehmen Sie bitte diesbezüglich Kontakt mit Ihrem transplantationserfahrenen Arzt auf, der Ihnen genau Ihre Chancen auf eine Transplantation beschreiben wird.

Ohne in Details zu gehen, wissen wir, dass die Sterblichkeit auf der Warteliste bei Mukoviszidose bei 34 Prozent und bei Lungenfibrose bei 31 Prozent liegt. Im Gegensatz dazu liegt die Sterblichkeit bei COPD nur bei 15 Prozent.

Erfahrungswerte stützen unsere Beobachtungen, dass die jungen Mukoviszidose-Patienten häufig sehr kurzfristig durch Bluthusten versterben. Die Lungenfibrose-Patienten sind häufig bis zur Diagnosestellung stabil und versterben in der Folge eines akuten Fibroseschubs, ohne dass man diesen medikamentös aufhalten kann.

Die COPD-Patienten kennen ihre Krankheit seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Es handelt sich um ein chronisches Siechtum. Weiterhin wissen wir, dass die COPDPatienten nach der Transplantation nur im Sinne der Verbesserung der Lebensqualität und nicht der Lebensverlängerung profitieren.

Dies ist bei einer Lungenfibrose und einer Mukoviszidose anders. Beide Patientengruppen haben einen eindeutigen Überlebensvorteil. Insgesamt kann man deshalb sagen, dass es durch das neue System "Lung Allocation Score" zu einer Verschiebung in dem Kollektiv der Anwärter auf eine Lungentransplantation kommen wird.

Mukoviszidose- und Lungenfibrose-Patienten werden deutlich höhere Punktzahlen erreichen und damit ihre Chancen, transplantiert zu werden, wesentlich erhöhen.

Die COPD-Patienten müssen jeweils individuell betrachtet werden.
Der stabile COPD-Patient wird wahrscheinlich weniger Chancen haben, transplantiert zu werden. Der instabile COPD-Patient – zum Beispiel mit hohen Kohlendioxidwerten – wird auch weiterhin aufgrund hoher Punktzahlen früh zeitig transplantiert werden können.

Insgesamt birgt das neue System "Lung Allocation Score" große Chancen, mehr schwerstkranke Patienten zur Transplantation zu bringen und ihre Überlebenschancen nach der Lungentransplantation zu erhöhen.

Im Einzelnen besteht die Indikation zur Lungentransplantation
• beim Lungenemphysem (Lungenüberblähung) bei einer FEV1 (Einsekundenkapazität) unter 20 Prozent.
• bei der Lungenfibrose (Lungenversteifung) bei Notwendigkeit einer Sauerstofflangzeittherapie, Abfall der Sauerstoffsättigung sO2 unter 90 Prozent unter Belastung und bei einem schnellen Abfall des Lungenfunktionsparameters IVC (inspiratorische Vitalkapazität = Dehnbarkeit der Lunge) über eine kurze Zeiteinheit.
• Bei anderen Erkrankungen gelten spezielle Kriterien, die in den Transplantationszentren untersucht werden sollten.

Die Lungentransplantation – Was Sie darüber wissen sollten

Transplantationstechnik
Bei einer Lungentransplantation besteht die Möglichkeit, einen Lungenflügel (Einzellungentransplantation), beide Lungenflügel (Doppellungentransplantation) oder eine kombinierte Herz-Lungen-Transplantation durchzuführen. Die Anzahl der Herz-Lungen-Transplantationen ist in den letzten Jahren aufgrund der verbesserten medikamentösen Therapie – insbesondere bei Bluthochdruck im kleinen Kreislauf – stark zurückgegangen. Die Operationszeit der beidseitigen Lungentransplantation beträgt etwa vier Stunden, die der einseitigen zwei Stunden.Die Technik der Lungentransplantation ist weitgehend standardisiert. Die Eröffnung des Brustraums erfolgt meistens durch einen seitlichen Schnitt etwa zwischen der achten und neunten Rippe. Nach der Entfernung der erkrankten Lunge werden zuerst die Bronchien, anschließend die Lungenvenen und am Schluss die Lungenarterien der Spenderlunge mit den entsprechenden Strukturen beim Empfänger durch eine Naht verbunden. Bei der Doppellungentransplantation wird dieses Vorgehen nacheinander mit der Gegenseite wiederholt. Ob der Patient dabei an die Herzlungenmaschine angeschlossen wird, entscheidet der Operateur. Es besteht prinzipiell die Möglichkeit der modernen Schlüssellochoperation" (minimalinvasives Verfahren). Dies ist jedoch von der Größe des Patienten, der Schwere seines Krankheitsbildes und von der Erfahrung des Operateurs abhängig.

Nach der Operation wird der Patient auf die Intensivstation verlegt und bei komplikationslosem Verlauf meist innerhalb der ersten 24 Stunden vom Beatmungsgerät entwöhnt. Die Verlegung auf die Normalstation erfolgt innerhalb weniger Tage.

Nachsorge
Nach der Operation erfolgt eine Unterdrückung des körpereigenen Abwehrsystems mit Medikamenten (medizinisch: immunsuppressive Therapie). Dadurch soll verhindert werden, dass die körperfremde Lunge gleich wieder abgestoßen wird. Das körpereigene Abwehrsystem erkennt die neue Lunge als fremdes Zellmaterial und reagiert mit einer starken Abwehrreaktion, um den vermeintlichen Krankheitserreger zu beseitigen. Würde der Organempfänger nicht vom ersten Tag an diese Immunsuppressiva einnehmen, würde die neue Lunge innerhalb von Tagen wieder abgestoßen werden. Diese Medikamente schützen den Patienten und müssen das gesamte Leben lang eingenommen werden. Sie haben allerdings auch Nebenwirkungen. Istdas Immunsystem zu stark unterdrückt, drohen bakterielle und virale Infektionen. Ist es zu gering unterdrückt, kann eine Abstoßung der Lunge erfolgen. Im Transplantationszentrum wird der Patient sehr engmaschig kontrolliert, um einen Mittelweg zwischen Toleranz des Fremdgewebes und ausreichender Infektionsabwehr zu finden.

Komplikationen nach Lungentransplantation
Der lungentransplantierte Patient kontrolliert täglich dreimal seine Lungenfunktion mit einem kleinen Handmessgerät, das in die Handtasche passt (Asthmamonitor). Er kann damit bereits kleine Abfälle seiner Atmungskapazität erkennen, was auf eine Abstoßung oder eine Infektion hinweisen kann. Insbesondere in den ersten sechs Monaten nach der Transplantation ist der Patient durch Abstoßungen und Infektionen durch Bakterien, Viren und Pilze bedroht. Häufig verläuft eine Abstoßung, ohne dass der Patient dies wahrnimmt. Erst in der Bronchoskopie (Spiegelung der Luftwege) wird diese durch Gewebeprobenentnahme nachgewiesen und kann durch Kortison behandelt werden. Infektionen äußern sich meist als Lungenentzündungen, können jedoch auch zu Infekten des Magen- Darm-Traktes, der Nieren und der Harnwege oder des Nervensystems führen. Schlimmstenfalls kann es zu einer Ausschwemmung der Bakterien ins Blut und dem Ausfall von Organen führen (Sepsis). Die häufigsten Ursachen sind Bakterien, Viren (Cytomegalie) sowie Pilze. Durch eine gute medikamentöse Prophylaxe können diese Infektionen meistens verhindert oder in deren Schweregrad verringert werden.

Chronische Abstoßung
Die wichtigste und schwerwiegendste Komplikation nach der Lungentransplantation ist das Bronchiolitis-obliterans- Syndrom (BOS) als Korrelat der chronischen Abstoßung. Es kommt dabei etwa ab dem zweiten Jahr – teilweise sogar früher – zu einer fortschreitenden Verschlechterung der Lungenfunktion, ohne dass eine Ursache dafür gefunden werden kann. Unter dem Mikroskop sieht man in den Gewebeproben selten eine Verstopfung der kleinsten Bronchien. Die Ursachen hierfür sind auf der ganzen Welt nicht bekannt. Man weiß jedoch, dass vorausgegangene akute Abstoßungen, wiederholte Infekte – insbesondere mit Cytomegalieviren –, aber auch nicht erkanntes saures Aufstoßen (gastroösophagealer Reflux) und mangelnde Kooperation des Patienten eine Rolle spielen.

Die Prophylaxe des BOS besteht in der konsequenten frühzeitigen Behandlung von akuten Abstoßungen und Infekten, der Therapie des Reflux sowie der intensiven Patientenbetreuung, um die Medikamenten-Compliance zu verbessern.

Die Therapie des BOS ist schwierig. Ein Drittel verbessert sich wieder unter intensivierter Immunsuppression, ein Drittel zeigt einen stabilen Verlauf. Bei einem Drittel kommt es zu einer anhaltenden Verschlechterung, so dass teilweise eine erneute Transplantation (Retransplantation) diskutiert werden muss.

Langzeitergebnisse
Das Bronchiolitis-obliterans-Syndrom ist die häufigste Todesursache nach einer Transplantation jenseits des ersten Jahres und ist sicher das zentrale Problem der Lungentransplantation. Weltweit leben fünf Jahre nach einer Lungentransplantation noch 51 Prozent der Patienten. Durch verbesserte Medikamente und eine intensive Nachbetreuung konnten die Fünf-Jahres-Überlebensraten in europäischen Zentren auf über 60 Prozent angehoben werden. Es sollte jedoch abschließend hervorgehoben werden, dass sich, unabhängig von der Überlebenszeit, die Lebensqualität der Patienten erheblich verbessert hat. Der lungentransplantierte Patient kann wieder am Berufsleben teilnehmen, in Urlaub fliegen, Sport treiben und sich manchmal sogar das erste Mal verlieben.

Symposium Lunge 2011
Dr. med. Urte Sommerwerck, Essen
Fachärztin für Innere Medizin,Pneumologie und Allergologie
Leitende Oberärztin Lungentransplantation Ruhrlandklinik, Westdeutsches Lungenzentrum am Universitätsklinikum Essen gGmbH, Universitätsklinik